gamat72
Notizen aus Leipzig
19. März 2012
8. März 2012
Wer wird Theater-Chef in Leipzig?
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fragt DIE WELT. Offenbar wechseln im nächsten Jahr in einigen Theatern die Intendanten - Spitzen-Aussichten für Leipzig, wenn sich Hartmann verabschiedet - wenn gleich an fünf wichtigen Häusern neue Intendanten beginnen.
Fünfmal wird ein neues Ensemble unter neuen Regisseuren versuchen, in Hamburg, Stuttgart, Köln, Berlin und Leipzig den Zauber des Anfangs zu entfesseln.
Es ist allerdings ein Rennen mit höchst unterschiedlichen Startvoraussetzungen, denn zwei der Mitlaufenden sind noch gar nicht aufgestellt: Während in Hamburg, Stuttgart und Köln schon seit dem vorigen Jahr klar ist, dass dort Karin Beier, Armin Petras und Stefan Bachmann Intendanten werden, ist die Politik in Berlin und Leipzig immer noch auf der Suche nach geeigneten Kandidaten. Ein klarer Nachteil für diejenigen, die das Amt schließlich antreten. Denn weil die Chefs der drei wesentlich größeren Häuser bereits seit einem Jahr Ensembles casten und Regisseure verpflichten, werden die noch nicht Nominierten für die Hauptstadt und Sachsen nur noch auf einem schon reichlich abgegrasten Markt einkaufen können.
Sowohl das Berliner Maxim-Gorki-Theater als auch das Leipziger Schauspiel gelten ohnehin als schwer vermittelbare Immobilien. Ersteres, weil es chronisch unterfinanziert ist. Letzteres, weil man den Leipzigern nachsagt, ihre traditionell wenig ausgeprägte Lust auf Theater sei während der Amtszeit des Publikumsschrecks Sebastian Hartmann komplett erloschen.
In Berlin muss die Verzweiflung nach der kurzfristigen Kündigung von Armin Petras Mitte 2011 deshalb groß gewesen sein. Angeblich hatte man Frank Castorf, dem Dinosaurier der Volksbühne, angeboten, das verwaiste Gorki einfach auch noch zu übernehmen. Interessant daran ist, dass über Castorfs erst kürzlich verkündete Amtszeitverlängerung bis 2016 offenbar schon lange entschieden war.
Die Gerüchteküche sieht zumindest für Berlin zwei der wichtigsten Regisseure der letzten Jahre vorne. Die Entscheidung werde wohl zwischen Herbert Fritsch und Nicolas Stemann fallen, simste es vorige Woche durch Deutschland. Merkwürdigerweise traut man diesen beiden erfahrenen Theaterleuten aber offenbar nicht zu, den Job ohne dramaturgische und organisatorische Köpfe als Aufpasser zu bewältigen: Fritsch werde im Duo mit Tom Stromberg antreten, Stemann mit Bernd Stegemann, glaubt der Klatsch zu wissen.
Zumindest die erste Tatarenmeldung ist schon teilweise dementiert. Herbert Fritsch wirkt glaubhaft entgeistert, als er mit der Fama konfrontiert wurde, Tom Stromberg sei sein möglicher Partner. Zwar habe es ein kurzes Gespräch mit dem Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz gegeben, bestätigte Fritsch der "Welt" - aber ohne Stromberg.
Fritsch kann gelassen bleiben. Er ist angeblich auch für Leipzig im Rennen. Dort hat er einmal inszeniert - seine Bühnenfassung von Louis de Funès' "Oscar" gehörte zu den erfolgreicheren Aufführungen in Hartmanns Intendantenzeiten. Die Tatsache, dass Hasko Weber, der von Stuttgart aus unbedingt zurück in den Osten wollte, sich für Weimar entschieden hat, statt ins viel größere Leipzig zu gehen, wo man ihn angeblich auch wollte, war für die Leipziger die erste herbe Niederlage. Nun sind - neben dem hier ebenfalls genannten Latchinian - auch noch die Dramaturgen Jens Groß und Robert Koall (beide vom Schauspiel Dresden) auf der Liste der Gerüchteküche. Bis Mai will Schmitz in Berlin einen Kandidaten präsentieren, länger kann auch Leipzig nicht warten.
Ich habe den Namen Petras auch schon mal für Leipzig gehört, genauso aber auch schon den des offenbar sehr rührigen Dresdner Intendanten Wilfried Schulz.
Nachdem ich vor drei Jahren den Wechsel zu Hartmann sehr begrüßt habe, im Großen und Ganzen zufrieden war - das schließt aber auch das Verlassen einiger Vorstellungen wegen akutem Unverständnis ein - und es eigentlich schade finde, dass Hartmann gehen will, bin ich nun sehr gespannt. Bis Ende März ist vielleicht noch Zeit, danach sollten nicht mehr nur Gerüchte kursieren.
1. März 2012
Gelesen: Timothy Snyder: bloodlands - Europa zwischen Hitler und Stalin
Normalerweise ernten wissenschaftliche Werke selten diejenige Aufmerksamkeit der nichtakademischen Welt, die ihnen ob des Inhaltes zustehen müsste. Das aktuelle Buch »Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin« des amerikanischen Historikers Timothy Snyder stellt hier sicherlich eine Ausnahme dar, wurde es doch gerade in Deutschland auch in den großen Feuilletons intensiv diskutiert. Und nach seiner Nominierung für den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ist ihm wohl erneut größere Aufmerksamkeit sicher. Warum das? Snyder untersucht in "Bloodlands" drei miteinander eng verknüpfte geschichtliche Tragödien, die selten so zusammengebracht werden: Stalins Terrorkampagnen, den Holocaust und den Hungerkrieg gegen Kriegsgefangene und die nichtjüdische Bevölkerung. Diese großen menschlichen Tragödien fanden in einem relativ eng begrenzten Raum statt: im Osten des 1920 neu gegründeten Königreichs Polen und im Westen der Sowjetunion, vor allem in Weißrussland und der Ukraine. Diese Gebiete sind fast deckungsgleich mit dem damaligen jüdischen Siedlungsgebiet in Polen und der Sowjetunion. Auf diesem relativ kleinen Territorium starben in den Jahren von ca. 1930 bis 1945 nahezu 14 Millionen Menschen, nicht in kriegerischen Auseinandersetzungen, sondern weil über ihren Tod „entschieden“ wurde. Sie verhungerten, wurden vergast oder erschossen. Snyder eröffnet somit einen neuen Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, einen Blick, in dem sich erschließt, dass vor dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion Stalin dort bereits Millionen Menschen getötet hatte- außerhalb eines Krieges, während des „Großen Terrors“ der Jahre 1937/1938 und in den unvorstellbaren Hungertragödien in der Kornkammer Europas, der Ukraine. Seit dem Sputnik-Verbot 1988, in dem erstmals aus den durch Gorbatschow geöffneten Archiven der Geheimpakt zwischen Hitler und Stalin bekannter wurde, ist es ein immer noch oft vergessener Aspekt, dass Polen von den Nazis und der Roten Armee in einer parallelen Aktion angegriffen wurde. Diese neue Akzentuierung ist wichtig, da es oft vergessen wird in unserer Erinnerung. In den 30er Jahren begann Stalins gigantische Landwirtschaftsumwälzung, die in einen „Krieg“ gegen die sogenannten Kulaken gipfelte. Dieser „Krieg“ wandelte sich aber schnell zu einem Krieg gegen die Landbevölkerung, was Ende 1933 zu einer massiven Hungersnot führte. Im selben Jahr kam in Deutschland Hitler an die Macht und begann sein Projekt „Lebensraum im Osten“. Dorthin sollten tausende Deutsche ziehen – dafür sollte zunächst die dort lebende Bevölkerung eliminiert werden. Allein in der Ukraine starben unter Stalin in den 30er Jahren ca. 4 Millionen Menschen durch menschgemachte Hungersnöte. 1931 wurde als Resultat eines unsinnig hohen Abgabesolls über die Hälfte des Weizens aus der Ukraine abtransportiert. Viele Kolchosen konnten ihre Ablieferungsquoten nur erfüllen, indem sie – auf Stalins Befehl – ihr Saatgut abgaben. Das führte im kommenden Jahr zu einer extremen Mangelernte. Selbst die ukrainische KP bat Stalin angesichts der drückenden Probleme um Aufschub: Fehlendes Saatgut, späte Aussaat, schlechtes Wetter, zu wenig Maschinen, Chaos von der letzten Phase der Kollektivierung Ende 1931 und hungrige Bauern, die nicht mehr arbeiten konnten. Doch Stalin sah in diesen Problemen nur den Erfolg von Saboteuren. Entsprechend mussten die Menschen leiden. Snyders Analyse zeigt, dass Stalin sehr wohl wusste, was in dieser Zeit in der Ukraine geschah, er beschreibt unvorstellbar grausame Szenen, selbst die eigentlich unbeschreiblichen Szenarien des Kannibalismus, in den die verzweifelten Menschen getrieben wurden. Eine Frau aus Charkow erzählt: „Eines Tages waren die Kinder plötzlich still, wir drehten uns um, um zu sehen, was los war, und sie aßen das kleinste Kind, den kleinen Petrus. Sie rissen ihm Fleischfetzen ab und aßen sie.“ Dann kamen die Nazis. Bevor in den Gaskammern von Auschwitz ab 1943 Millionen Juden vergast wurden, hatten die sog. Einsatzgruppen der Nazis bereits hinter der Front gewütet. Sie zogen von Dorf zu Dorf, mordeten, erschossen, und warfen die Leichen in Massengräber. Fast alle polnischen Juden waren ihnen zum Opfer gefallen. Das bedeutet, dass ca. die Hälfte der Morde an der jüdischen Bevölkerung bereits vor dem industriellen Massenmord in den Tötungslagern Auschwitz, Bergen-Belsen und Treblinka stattfand. Snyder verweist darauf, dass die Juden 1933 etwa ein Prozent der deutschen Bevölkerung ausgemacht hatten, von denen vielen noch in den ersten Jahren der faschistischen Terrorherrschaft die Flucht gelang. Anders in den „bloodlands“, wo der Großteil der europäischen Juden lebte: Vier der sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden stammten aus dieser Region. Auch die anderen zwei Millionen, darunter 165.000 der in Deutschland verbliebenen deutschen Juden, wurden zu ihrer Ermordung in die Todeslager der „bloodlands“ gebracht. Die dritte grausame Methode, die Millionen in diesem Gebiet das Leben kostete, war die primitive Methode des Aushungerns. Allein ca. drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene starben in Kriegsgefangenenlagern auf polnischem Territorium an Hunger. Zudem zeigt Snyder den dramatischen Verlust für Polen auf, denn neben den von Stalin angeordneten Massenerschießungen von Katyn, denen Tausende polnische Offiziere zum Opfer fielen, ermordeten die Nazis mindestens zehnmal so viele polnische Offiziere, Akademiker und Hochgebildete. Die unfassbaren Zahlen der Opfer aller drei Verbrechen, mit denen Snyder in seinem Buch argumentiert, sind nicht neu. Aber die Verbrechen in dieser Form neu zusammen zu bringen, sie zusammen zu denken und damit die „bloodlands“ als Raum sichtbar zu machen – darin besteht das große Verdienst der gut lesbaren Analyse von Snyder. Das gemeinsame Sichtbarmachen der ukrainischen Hungersnot, des Holocaust, Stalins Massenerschießungen, des kalkulierten Hungertodes sowjetischer Kriegsgefangener, der ethnischen Säuberungen eröffnet eine neue Perspektive und weckt ein tieferes Verständnis für diese Schreckensgeschichte. Und sei daher jedem zur Lektüre nahegelegt:
Menr hier
http://www.guardian.co.uk/books/2010/oct/09/bloodlands-stalin-timothy-snyder-review http://www.nybooks.com/articles/archives/2010/nov/11/worst-madness/ http://www.thenation.com/article/156518/between-hitler-and-stalin?page=0,2
http://www.eurozine.com/articles/2010-02-18-snyder-de.html
Sehr interessantes Interview mit Timothy Snydeer im Standard hier
http://derstandard.at/1291454186902/Interview-Nicht-die-Nazis-durch-die-Sowjets-erklaeren
28. Februar 2012
15. Februar 2012
The Two Raymond Carvers
There is, for example, almost no difference between the manner in which Carver describes a woman ordering a birthday cake for her son—
The cake she chose was decorated with a spaceship and a launching pad under a sprinkling of white stars. The name SCOTTY would be iced on in green as if it were the name of the spaceship.
—and the manner in which, shortly thereafter, he describes the son being hit by a car:
At an intersection, without looking, the birthday boy stepped off the curb, and was promptly knocked down by a car. He fell on his side, his head in the gutter, his legs in the road moving as if he were climbing a wall.
Der Artikel deutet wieder darauf hin, dass Lektor Gordon Lish, der von Carver sehr bewundert wird, in starkem Maße in die Texte eingriff.
On July 8, 1980, however, one year before his triumphant summer at Yaddo, Carver had written to Gordon Lish urging him to halt production on What We Talk About. He had just spent the whole night going over Lish’s edited version of the book and was taken aback by the changes. His manuscript had been radically transformed. Lish had cut the total length of the book by over 50 percent; three stories were at least 70 percent shorter; ten stories had new titles and the endings of fourteen had been rewritten.
Die Beispiele, die dann aufgeführt werden, zeigen deutlich - ohne Lish würden wir heute nicht mehr von Carver reden. Lesenswerter Artikel. das Buch kaufe ich mir nicht, will mir doch meinen carver nicht vermiesen...